„Die größte Hürde ist die mentale Einstellung“

Wie Marktführer wieder zu Pionieren werden: Innovation Forum setzt auf Information, Kommunikation und Motivation

Tuttlingen – Manche Ideen stehen bereits im Rampenlicht, andere erleben gerade ihren ersten großen Auftritt: Beide Welten trafen beim 18. Innovation Forum Medizintechnik in Tuttlingen aufeinander. Mehr als 500 Teilnehmer nutzten den Resonanzraum, um Fortschritt kennenzulernen, Informationen aufzunehmen – und vor allem untereinander in den Dialog zu treten und das Mindset in Richtung Zukunft auszurichten. 

Veranstaltet wurde das Innovation Forum Medizintechnik von TechnologyMountains e.V., der MedicalMountains GmbH und der Industrie- und Handelskammer Schwarzwald-Baar-Heuberg. Der Tag hatte für MedicalMountains-Geschäftsführerin Julia Steckeler etwas von einem Musikevent. Die verschiedenen Klangfarben des Fortschritts spiegelten sich auf vier Bühnen, in der großen Ausstellung und den begleitenden Gesprächen wider. Und wie bei einem Festival gab es einen Headliner – die Keynote von Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. Friedhelm Beyersdorf.

Friedhelm Beyersdorf hat die Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie am Universitätsklinikum Freiburg fast drei Dekaden lang geleitet und, wie Julia Steckeler voranstellte, „über Jahrzehnte Innovationen gelebt“. Was nun durch Robotik und KI ausgelöst worden ist, hat für ihn jedoch nicht mehr viel mit einer Innovationswelle zu tun. Vielmehr rollt ein Tsunami auf die Branche zu. So groß die Umwälzung ist, auch sie folge Gesetzmäßigkeiten, stellte er fest. Dazu zähle: Disruptive Innovationen bringen Marktführer zu Fall. Ihr Wertesystem habe sich um die eigenen Produkte herum entwickelt und verhindere, neue Technologien anzunehmen. Als klassisches Beispiel nannte Friedhelm Beyersdorf den Farbfilm-Primus Kodak, der das Zeitalter digitaler Kameras zwar kommen sah, aber ignorierte. China zeige hingegen gerade, was ohne „die Last früherer Erfolge“ möglich sei. Ebensolche Pioniere waren hiesige Marktführer einst selbst gewesen – und diesen schlummernden Geist wollte er wieder wecken. Deutschland im Allgemeinen und die Medizintechnik im Speziellen „besitzen starke Voraussetzungen“, blickte Friedhelm Beyersdorf etwa auf die Forschungslandschaft im Südwesten – und im selben Moment auf seine Zuhörer im Saal. „Begeisterung, Tempo und die Bereitschaft aller, auch einmal falsch zu liegen“, gab er ihnen als Tugenden an die Hand, um die Gesetzmäßigkeit der Marktführerschaft zu durchbrechen und neue Erfolgsgeschichten zu schreiben: „Die größte Hürde ist die mentale Einstellung.“ So sehr seine Diagnose zu Beginn die Stimmung gedrückt hatte, so motiviert entließ Friedhelm Beyersdorf seine Zuhörer in den weiteren Tag.

„Genau die Veranstaltung, die in Baden-Württemberg, in Deutschland und Europa gebraucht wird.“

Prof. Friedhelm Beyersdorf

Der Spirit des Aufbruchs war vor allem in der Startup-Area und bei den Startup-Pitches zu spüren. Acht „Newcomer“ waren dabei, einer davon Dr. Andreas Arnegger mit der osora medical GmbH. Spezialisiert hat sich das Anfang 2023 gegründete Unternehmen auf die Simulation von Knochenheilung. Wie die Idee dazu entstanden ist? Aus eigener Erfahrung, wie die Narben am Unterarm des passionierten Radfahrers verdeutlichten. „In Tuttlingen kommt die geballte Erfahrung zusammen“, so Andreas Arnegger. Der Pitch sei daher „eine tolle Gelegenheit, potenzielle Kunden und Investoren zu finden.“ Begonnen im Bereich der Aus- und Weiterbildung, ist als nächste Stufe ein Planungstool für Klinken geplant.

Aspekte wie diese fanden vielfach Widerhall. Fachvorträge reflektierten Digitalisierung, KI und Simulation bis hin zu Werkstoffen und Nachhaltigkeit. In der Trial Area hatte die Intuitive Surgical Deutschland GmbH ein Da-Vinci-System eingerichtet. Die vielen Gespräche, vorab geplant oder spontan, gaben einen markanten Grundton. Die Summe der einzelnen Elemente verband sich zu einer ebenso harmonischen wie eindringlichen Melodie. Oder, wie es Friedhelm Beyersdorf formuliert hatte: Das Innovation Forum Medizintechnik „ist genau die Veranstaltung, die in Baden-Württemberg, in Deutschland und Europa gebraucht wird.“

  • Impressionen vom 18. Innovation Forum Medizintechnik sind unter diesem Link zu finden.